Angela Buhl folgt ihrem Bruder mit dem Rad'l nach Rio

Panama ist doch nicht so schön

Kennen Sie Guatemala? Nein, nicht die Kaffeebohnen aus Müller’s Café Shop ums Eck. Das Land ..? Könnten Sie dessen Lage auf einer Weltkarte auf Anhieb richtig markieren? Oder wussten Sie, dass der Panama-Kanal mehr von Nord nach Süd verläuft als von West nach Ost? Und was das alles mit Regattasegeln zu tun hat?
Nur gemach, das kommt gleich.

Also: Es war einmal im Jahre 2012. Ein junger Segler aus dem Allgäu, nennen wir ihn Philipp, hatte gerade die Qualifikation für die Olympischen Spiele in London verpasst. Ein Nordlicht hatte das Ticket errungen, fair und ohne Tricks. Für viele der Unterlegenen bricht nach einer langen und letztlich „verlorenen“ Olympia-Kampagne, wenn man in seiner Klasse gerade nur Zweitbester in ganz Deutschland ist, die Welt zusammen. Nicht so für Philipp. Er schluckte den Ärger herunter, verwandelte das Verschluckte in Energie und Vortrieb – und putzte seine Gegner bei vielen großen Regatten weg. Nur bei Olympia 2012 war er eben nicht am Start. Bald reifte sein Entschluss, es einfach noch einmal zu versuchen. Schließlich ist ja alle vier Jahre Sommerolympiade. Sein Papa – Coach, Assistent und Technik-Tüftler – war gleich ein Antreiber, Mama und die Schwestern glaubten in unterschiedlichem Maße an das Ziel. Doch Philipp und Angela, eine der Schwestern, trafen eine Abmachung: „Du segelst nach Rio – und ich radle dorthin. Und dann treffen wir uns alle in Rio.“ So lautete kurz zusammengefasst der Deal – im Hause Buhl.
Angela Buhl, Architektin mit Faible für die Natur, das Allgäu, die Berge und das Oktoberfest, ging also mit der gleichen Buhlschen Akribie an die Planung einer Weltreise mit dem Fahrrad, wie Bruder Philipp an die Planung seiner Laser-Regatten. Wochen-, ja monatelang wurde die Ausrüstung zusammengesucht, modifiziert, an speziellen Gepäckträgerkisten gebastelt und und und – bis sie endlich mit dem Winteranfang 2014 auf dieses Rad – in pink (!) wie alles, wo sie sich die Farbe aussuchen kann – stieg und losradelte. Vom Allgäu Richtung Osten, durch Österreich, dann nach Süden bis an die Adria, um die ganze Ägäis herum und dann über Zypern nach Israel. In diesem gelobten Land (auch dort wird viel gesegelt, wie wir jüngst an den WMs für 470er oder Surfer gesehen haben) fühlte sich die junge Frau recht wohl. Nach fast jeder Tagesreise war man/frau schon wieder an der gegenüberliegenden Grenze angelangt. Dann ging es nach Jordanien. Angela radelte durch die Wüste, bei größter Hitze – und immer allein, immer als Frau ohne Kopftuch, ohne Bodygards und sonstwas. Nur mit ihrem Rad, rund 40 Kilo Ausrüstung und dem Ziel „Rio“. So manche Stätte aus längst vergangenen Zeiten hat sie dabei auch besucht. Wer weiß, wie lange es solche in dieser Region noch gibt ...
Im Sommer 2015 nahm sie dann den Flieger, da es keinen anderen radelbaren Weg mehr gab, um nach Indien zu gelangen. Ein paar Wochen strampelte sie dann, begleitet von ihrer Schwester, durch Indien bis nach Nepal. Viele tausend Kilometer war sie schon geradelt – doch nirgends wurde sie so aufdringlich begafft wie in Indien. Erstmals fühlte sie sich merklich unwohl – bis in Nepal wieder eine völlig andere Mentalität vorherrschte. Am Dach der Welt war es dann wieder an der Zeit, einen Stopp einzulegen. Denn in München steppte der Bär – und durch 16 Tage lang Krüge schleppen wurde die Reisekasse wieder aufgefüllt. Bruder Philipp tat derweil das seine, um das Ziel Rio zu erreichen. Mit zweiten Plätzen bei der EM und WM 2015 sammelte er die nötigen Punkte wie kein anderer Segler aus der Nationalmannschaft.
Wenige Wochen später setzte Angela mit ihrem Radl den Trip nach Rio fort. Von München war sie nach Vancouver/Kanada geflogen, um fortan an der Pazifikküste gen Süden zu radeln. Nirgends vorher hatte sie eine so faszinierende Straße unter den beiden Rädern, wie auf diesem Stück durch Kalifornien. Besonders spannend war der Moment, als sie die Golden Gate Bridge bei San Francisco erreichte. Allein deren Anblick ist überwältigend – mehr aber noch, wenn man Jahre zuvor schon einmal darunter war. Denn Philipp hatte mit seiner jungen Crew ja seinerzeit das Youth America’s Cup Project aus eigener Kraft gestemmt (damals hatte der DSV aus „Sicherheitsgründen“ auf dem Foiler-Kat der Crew seinen Segen entzogen, in der faktisch gesundheitsgefährdenden Drecksbrühe von Rio sollen die Athleten aber den Segen des Verbands haben) und segelte unter der Brücke, für eine kurze Zeit auch begleitet von der Familie inklusive Angela, als die sich dort als Fanclub eingefunden hatte. Es war wahrlich ein magischer Moment, als diese Brücke nun wieder vor Angis Radl auftauchte. Mit dem Rad über solche Brücken fahren indes ist das reinste Himmelfahrtskommando: erheblicher Seitenwind, nur knapp neben vorbeirasenden Lastwagen mit brutalem Sogwind, immer Längsrillen knapp neben der Spur – höchste Konzentration ist da gefragt, von toller Aussicht keine Spur, eher Stress pur.
In Kalifornien ereilte sie noch einmal der Winter, ehe sie dem Frühling entgegen rollte. Doch wie viele andere Regionen hinterließ auch Kalifornien seine Eindrücke: Radeln unter Bäumen, deren Stammdurchmesser so groß ist wie die Kante eines Einfamilienhauses in der Heimat! In der Regel zeltet Angela Buhl. Rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit muss sie da einen geeigneten Platz gefunden haben, wo sie ihr kleines Zelt aufschlagen und das Fahrrad anketten kann. Das waren manchmal wundebare Plätze am Strand mit Sonnenuntergang vor der „Haustür“. Manchmal entpuppten sich die Plätze, zumal wenn sie erst spät gefunden waren, aber auch als Horrororte. So manch wundersames ist ihr da widerfahren, was man sich eher für schlechte Filme ausdenken könnte.
Im Dezember dann verließ Angela Buhl die industrialisierte Welt, um in Mexiko immer weiter nach Süden zu radeln. Hier war es eher umgekehrt: War sie vor den Verhältnissen, insbesondere was die Sicherheit einer alleine radelnden Frau angeht, immer nur gewarnt worden, so verliebte sie sich regelrecht in Mexiko. „Mi amor!“, war ihr Fazit dieses Landes. Die Baja California hat ihr „das Herz ausgebeult“, wie schon zuvor die West Coast der USA. Sogar den Papst traf sie in Mexico – oder dieser sie? Jedenfalls kreuzten sich ihre Wege in San Cristobal. Lediglich auf ein vielfaches Mitbringsel hätte sie verzichten können: Just in San Cristobal hatte sie in einem billigen Hotelzimmer Bettwanzen eingefangen, die sie für die nächsten Wochen begleiteten.
Und dann kam Guatemala. Südlich von Mexiko liegt dieses Land der Kaffeesträucher und Maya-Tempel. Waren die Menschen in Mexiko freundlich und hilfsbereit, so fühlte sie sich in Guatemala dagegen als vermeintlich reiche Touristin ausgebeutet und übers Ohr gehauen. „Gringo“, ist für sie das verbale „Erkennungszeichen“, dass die Preise ein Vielfaches des üblichen betragen. Guatemala ist nichts für die Durchreise. Backpacking oder Mountain-Biking wären empfehlenswert, um neben dem Land auch die Leute kennenzulernen.
Dann kam El Salavador: „In El Salvador brodelt es!“, beschreibt sie die rauchenden Vulkane. Berge wie Kegel stehen dicht an dicht. Vulkane heißt aber auch: bergiges Land! Höhenmeter an Höhenmeter reihte sich aneinander, fast wie im Orient oder in Nepal. Und bei den Abfahrten wurden die Reifen immer besonders belastet. Nach vielen tausend Kilometern zeigten sich die ersten größeren Verschleißspuren am Material. Zigmal wurden die Schläuche geflickt, Mäntel ausgetauscht und sogar in Deutschland nachgeordert.
In zwei Tagen war sie dann auch durch Honduras geradelt, zu wenig, um das Land zu beschreiben. Nicaragua war die nächste Etappe in Zentralamerika. Schwer schuftende Menschen, weitgehend unbekanntes Umweltbewusstsein und herrliche Steppenlandschaften – wieder einmal wimmelt es in den Tagesberichten von Widersprüchen (oder besser von widersprüchlichem aus unserer Sicht). Costa Rica hat Angela Buhl dann wieder gefallen. Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch, schattige Landstraßen trotz heißem Klima, „herrliche Strände, klare Süßwasserbäche, Wasserfälle, Obst und Pumpernickel“ sowie – „ein freundliches Lächeln“ der Leute! Zelten am Strand in erster Reihe zum Sonnenuntergang – das ist nicht nur Radfahrerins Paradies.
Von Panama hat Angela Buhl nicht viel mehr mitbekommen als Autobahn, respektive Baustelle. „Janosch hat sich ein bisschen vertan.“ Panama ist doch nicht so schön.

Panama City am pazifischen Ende (oder Anfang) des Panama-Kanals war wieder einmal ein Schlüsselort für Angelas Reise. Denn einerseits sagte ihr eine exakte Analyse der restlichen Strecke bis nach Rio, dass die Zeit nun langsam knapp wird. Andererseits ist Kolumbien offenbar nicht das ideale Land für eine alleine mit dem Rad reisende Frau. Und dann stand da noch die Entscheidung über die weitere Reiseroute in Südamerika an: Nördlich die lange Tour am Atlantik durch Kolumbien, Venezuela und andere Länder – oder am Pazifik entlang nach Süden und dann quer durch den Kontinent, über die Anden.

Alea iacta est: pro Pazifik und die Anden. Seit Ende April ist Angela Buhl nun in Peru. Mit dem Flieger überbrückte sie Kolumbien. Fliegen mit einem Fahrrad: Das ist eine eigene Geschichte, über die sie ausführlich in ihrem Blog schreibt.
Von Lima – eine Millionenstadt, aus der sie drei Tage lang braucht, um herauszuradeln – ging es zunächst nach Nasca, dem Ort der geheimnisvollen Linienmuster im Boden. Dort hatte sie ihre Route endgültig festgelegt: Quer über die Anden gen Osten, dem Ziel Rio entgegen. Ihr in den Weg gelegt sind da aber vier Pässe, die allesamt um die viertausend Meter hoch sind! Steile Serpentinenstrecken wechseln sich mit langen, aber sehr moderaten Anstiegen ab. Doch zur dünnen Luft auf über dreitausend Meter kamen nun zwei neue Probleme: Zum einen hatte Angela wieder einmal kurz vor dem Verdursten Brunnenwasser statt „purificata“ getrunken. Durchfall, Übelkeit waren die schnell eintretenden Folgen. Und zum anderen hatte sich etwas in ihrer Schaltung gefressen. Der Seilzug hatte sich aufgespleißt, dünne Drahtreste offenbar in die Mechanik eingewickelt und nur eine einzige Drahtlitze war noch übrig. Schalten auf Bergstrecken – ab sofort ein no go. Wie mit einem Klapprad strampelte sie verzweifelt noch ein paar Kilometer. Ehe sie am Wegesrand begann, das Rad zu zerlegen. Doch weder hatte sie ein Ersatzkabel für die Schaltung dabei, noch die nötigen Torks-Einsätze in ihrem Werkzeugkasten. Hunderte von Reparaturen hatte sie auf den bisherigen 19.939 Kilometern gemeistert – sollte sie nun in den peruanischen Anden an einer Qualitätsschaltung aus deutscher Produktion scheitern?
Wir werden es aus ihrem Blog erfahren ...
Angi, halt durch! Philipp hat das Ticket für Rio – er darf fliegen.

Angela Buhls Blog über die Fahrt mit dem Radl nach Rio mit allen Infos (Ausrüstung, Reiseroute etc., tägliche Berichte – spannender als jeder Krimi im TV) ist hier:


Angela Buhl in den Anden © privat

12.05.2016 10:13 Alter: 8 yrs