Die Vendée-Globe-Flotte nimmt nach Startverschiebung Fahrt auf, Boris Herrmann (NRV/BYC) 18.

Es war ein hartnäckiger Seenebel, der die Startzone der Vendée Globe vor Les Sables d’Olonne am Sonntagmittag „ marmte" und für eine Startverschiebung von fast einer Stunde und 20 Minuten sorgte. Der erste deutsche Teilnehmer Boris Herrmann („Seaexplorer – Yacht Club de Monaco“) ließ sich davon bei seinerPremiere nicht aus dem Konzept bringen.


Für ihre Geduld wurde die Rekordflotte der 33 Boote mit 26 Skippern und sechs Skipperinnen jedoch mit wärmender Herbstsonne, einer nahezu perfekten Brise von zehn bis zwölf Knoten und glattem Wasser belohnt, als der Startschuss um 14.20 Uhr Ortszeit endlich abgefeuert werden konnte, der die Solisten in ihre Weltumseglung über 24.296  Seemeilen schickte.
Insbesondere für die Debütanten erhöhte sich die ohnehin schon vorhandene Anspannung an diesem Tag, an dem sie eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebten, durch die Verzögerung noch weiter. Die erfahreneren Einhandsegler dagegen gönnten sich teilweise sogar noch ein Nickerchen, nachdem die Nacht zuvor für viele recht kurz gewesen war.
Als der Schuss um 14.20 Uhr ertönte, kreuzte Louis Burton mit seiner „Burreau Vallé 2“ die Startlinie als Erster. Er führte das Feld so auffallend deutlich an, dass schnell klar wurde, dass dem Skipper und dem Boot, das in der Vendée Globe 2016/2017 Platz drei belegt hatte, ein ärgerlicher Frühstart unterlaufen war. Das Vergehen wird bei diesem Rennen um die Welt besonders hart bestraft: Burrton muss seine IMOCA-Yacht zwischen seiner aktuellen Position und dem Breitengrad 38°40,000N (etwa auf Höhe von Lissabon) für fünf Stunden stoppen, darf das Rennen erst danach wieder aufnehmen.





Mit der Aussicht auf eine zwei bis drei Monate andauernde Regatta waren die meisten Skipper eher defensiv ins Rennen gegangen. Auch Boris Herrmann, dem ein überzeugend guter Start gelungen ist, hatte vorab gewarnt: „Einen Frühstart willst du auf keinen Fall, weil die Strafe wirklich hart ist.“ Kaum gestartet, gaben die IMOCA-Top-Foiler dann auf glattem Wasser mächtig Gas, feuerten mit 20 und mehr Knoten los. Zunächst war es das jüngste und am wenigsten erprobte Boot der erst 2020 zu Wasser gelassenen Achter-Flotte, das am Sonntagnachmittag das Tempo vorgab: Nico Troussell segelte mit der von Designer Juan Kouyoumdijan entworfenen „Corum L’Épargne“ vorweg in Richtung Westen und in eine erste Woche, die von den Skippern aufgrund der komplexen Wettersituation mit viel Spannung erwartet wird. Mit Jérémie Beyou („Charal“) aber saß Troussell schnell einer der Rennfavoriten im Nacken, der die Führung wenig später auch tatsächlich erobern sollte. Gut im Rennen lag zu diesem frühen Zeitpunkt auch die Britin Samantha „Sam“ Davies auf „Initiatives Cœur“.
Während Beyou zunehmend schneller und bald mit 26 Knoten Bootsgeschwindigkeit unterwegs war, formierte sich das Verfolgerfeld hinter ihm mit Co-Favoriten wie Charlie Dalin („Apivia“) und Alex Thomson, der bei seinem fünften Einsatz mit der futuristischen „HUGO BOSS“ zu den Top-Favoriten zählt.
Überschäumende Emotionen auf dem Dock
Eröffnet wurde der Starttag im Revier des französischen Departments Vendée, nach dem die härteste Soloregatta der Welt benannt ist, von emotionalen Auftaktstunden auf dem berühmten Ponton. Weil Zuschauer aufgrund der Covid-19-Regeln nicht zugelassen waren, fiel der Abschied ungewöhnlich still aus. Statt Applaus und Jubel von Hunderttausenden Fans zu erhalten, machten sich die Teams beim „Dock Walk“ ihrer Skipper gegenseitig Mut, klatschten füreinander und sorgten für viele kleine bewegenden Szenen. Dabei blieben auch rührende Abschiedsmomente nicht aus. Mehr als einer der Solisten hatte beim letzten kurzen Interview auf dem Steg Tränen in den Augen, während die Bewohner in den umliegenden Häusern immerhin mit unzähligen Plakaten, Bannern und lautem Hupen ihrer Bewunderung Ausdruck verliehen.
Den „Dock Walk“ hatte Armel Tripon ohne seine übliche Morgenmeditation beinahe wie ein Zen-Mönch eröffnet. So ruhig schritt der Franzose mit dem längsten Weg zu seinem Boot über die Planken in Richtung des pechschwarzen Bugs seiner „L`Occitane“.  Seinem zielgerichteten Gang ließ er im Abschiedsinterview kurze und klare Antworten folgen. Triton hatte sich dafür entschieden, seine Familie und Freunde nicht mit auf den Ponton zu nehmen, erhielt aber lautstarken Beifall von den bereits auf den anderen Booten arbeitenden Technik-Teams. „Komplexe Wettersituation. Ich habe gut geschlafen, aber ich hatte heute morgen keine Zeit für meine Meditation“, sagte Tripon mit einem vorfreudigen Lächeln, das in den funkelnden Augen zu erkennen war.
Andere wurden von ihren Emotionen übermannt: Clement Giraud verabschiedete sich unter Tränen mitten im Interview, Damien Seguin wollte seine Lebensgefährtin in endlos erscheinender Umarmung gar nicht mehr loslassen. Der Schweizer Alan Roura und auch Boris Herrmann lassen ihre vor wenigen Monaten geborenen kleinen Töchter bei ihren Frauen zurück und werden sie voraussichtlich erst im Januar wiedersehen. Für alle Vendée-Globe-Segler galt es an diesem Tag, Abschied von den Liebsten an Land zu nehmen.





 







“Charal”-Skipper Jérémie Beyou sagte: “Es ist meine vierte Teilnahme, aber die Emotionen sind die gleichen wie beim ersten Mal. Es ist nicht einfach, wirklich nicht. Aber es ist cool, mit meinem Team hier zu sein, das ich so gut kenne. Und mit meinem Boot, das gut vorbereitet ist. Es ist ganz besonders.“
Boris Herrmann sagte vor seiner Premiere als historisch erster deutscher Teilnehmer am „Everest der Meere“: “Ich bin froh, dass es losgeht. Und ich bin bereit. Ich bin sehr glücklich darüber, dass das Rennen angesichts der Umstände überhaupt starten kann. Die Organisatoren, jeder einzelne, hat einen guten Job gemacht. Ich bin nicht allzu aufgeregt. Das wird später kommen. Aber ich habe sehr, sehr gut geschlafen.“
Die Britin Samantha “Sam” Davies“ erschien mit ihrem Lebensgefährten Romain Attanasio auf dem Ponton. Bei ihr und dem Franzosen ein ganz logischer gemeinsamer Auftritt, den beide nehmen an der Vendée Globe teil. Sie sind das erste Paar, was bei der härtesten Einhandregatta der Welt gegeneinander antritt. Die 46-jährige „Initiatives Cœur“-Skipperin sagte: „Ich bin aufgeregt und glücklich, mit diesem großartigen Boot und meinem großartigen Team hier zu sein. Jetzt kann ich hoffentlich da draußen so gut segeln, wie mein Team das Boot für das Rennen vorbereitet hat. Darauf freue ich mich einfach so sehr.“
Ihre 51-jährige Landsfrau Miranda Merron ließ es entspannt angehen: „Warum sollte ich Sorgen haben? Dafür ist es jetzt zu spät. Noch kann ich kaum glauben, dass ich gleich in ein Rennen um die Welt starte. Ich werde sicher am Start aufgeregter sein. Ich hasse Starts, mache mir immer Sorgen wegen der anderen Boote.“ Zur ungewöhnlich zuschauerarmen Szenerie sagte Merron: „Ich bin sicher, dass der Staat gute Gründe hatte, die gesamte Bevölkerung von Les Sables d’Olonne heute in ihre Häuser einzusperren. Aber es kommt mir schon etwas gemein vor, wenn man bedenkt, dass so ein Start nur alle vier Jahre stattfindet. Ich denke, die Organisatoren haben in einem sehr schwierigen Umfeld einen großartigen Job gemacht. Und es ist einfach nur schade, dass die Leute, die direkt am Hafen leben, ihre Häuser nicht verlassen dürfen.“
Würdig und charismatisch war der Auftritt des japanischen Skippers Kojiro Shiraishi. Er schritt in traditioneller japanischer Tracht über den Ponton und trug einen japanischen Langstab (Bō) bei sich, verabschiedete sich lächelnd von den Menschen am Steg und später auch von seinem Team.
Wiedervereinigt mit ihrer Yacht “Medallia” schwärmte die britische SKipperin Pip Hare vor ihrer Vendée-Globe-Premiere: „Ich bin wirklich sehr, sehr glücklich, auch wenn es nicht so aussieht.“ Während sie die Worte sprach, schaute sie immer wieder in Richtung des blauen Himmels über sich und kämpfte mit den Tränen. „Ich bin wirklich nervös. Ich kann einfach nicht glauben, dass dieser Tag gekommen ist. Es ist gigantisch. Einerseits habe ich keine Vorstellung davon, was auf mich zukommt. Andererseits kann ich mir jede Minute ausmalen, möchte einfach nur noch da rausgehen und herausfinden, wie es wirklich ist.“

Im Kontrast dazu kam Alex Thomson geschäftig-dynamisch über den Ponton. Er wirkte sehr fit, schlank und fokussiert, als er an Bord seiner “HUGO BOSS“ ging. „Es ist ein wunderbarer Morgen“, sagte Thomson, „der Nebel hat sich verzogen und die Sonne scheint. Es wird ein interessanter und guter Start für die Fernsehkameras werden.“ Nach anfangs leichten Winden erwartete Thomson „Bruchbedingungen“ und bis zu fünf Meter hohe Wellen. Es seien für die kommenden Tage einige Tiefs vorhergesagt, „durch die wir uns irgendwie nach Süden schlängeln müssen“. Thomson sagte: „Es ist schade, dass wir keine Passatwinde bekommen. Es werden harte fünf, sechs Tage für alle Skipper. Und ein kompliziertes Routing. Es wird die Männer von den Jungs trennen.“ Zu seiner bisherigen Bilanz sagte Thomson, er habe viermal teilgenommen, zweimal aufgeben müssen und zweimal das Ziel als Dritter und zuletzt als Zweiter erreicht. Sein Hauptziel bestehe darin, aus zwei von vier nun drei von fünf Runden um die Welt zu bestehen. Auf die Frage, ob das aktuelle das Rennen seines Lebens sei, antwortete der 46-Jährige aus Gosport: „Jede Vendée Globe ist das Rennen deines Lebens.“
Yves Auvinet, Präsident der Vendée Globe, wünschte allen Teilnehmern Glück: „Ich wünsche euch allen, liebe Segelfreunde, ein schönes und erfreuliches Rennen um die Welt und freue mich aufs Wiedersehen. Viel Glück und guten Wind!“





Das vollständige Zwischenergebnis ist hier






© Yvan Zedda-ALEA-VG2020

09.11.2020 15:43 Alter: 18 days