Vendée Globe - die härteste Regatta der Welt: Die erste Woche

 

Der sicherste Arbeitsplatz der Welt - oder Himmelfahrtskommando? Seit einer Woche sind 33 Skipper (darunter sechs Frauen) bei der härtesten Regatta der Welt unterwegs. Die Einhand-Regatta „Vendée Globe“ führt von Le Sables d’Olonne (nördlich von La Rochelle) rund um die Erdkugel - ohne jeglichen Stopp. Maskenpflicht: Fehlanzeige. Ausgangssperre: selbstverständlich. Kontaktverfolgung: unnötig. Abstand halten: mehr als sinnvoll.

 

Etwa 80 Tage werden die meisten unterwegs sein, die schnellsten vielleicht nur 70. Der Rekord liegt bei gut 74 Tagen und wurde von Armel le Cléac’h beim Vendée Globe 2016/17 (das Rennen findet alle vier Jahre statt) aufgestellt. Doch diesmal flitzen die neuesten Boote auf Foilern über die Wellen - und das soll gut vier Tage auf der gesamten Distanz bringen. Die Strecke führt von der Biskaya um die iberische Halbinsel herum nach Süden, an der westafrikanischen Küste vorbei um das Kap der guten Hoffnung, entlang am Südpolarmeer Richtung Australien, weiter durch den südlichen Pazifik und von West nach Ost ums Kap Hoorn. Von da geht es wieder nordwärts durch den Atlantik auf die Zielgerade zurück zum Ausgangsort.

 

Alex Thomson führt

An der Spitze wechseln sich nach einer Woche der Brite Alex Thomson auf der „Hugo Boss“ und der Franzose Jean le Cam mit der „Yes we Cam!“ ab, Sonntagmittag war Thomson gut 25 Meilen vor Le Cam. Sie haben bereits 2350 Seemeilen hinter sich - von insgesamt etwa 25.000 Seemeilen. An den Kanaren sind sie schon vorbei, werden morgen querab der Kapverdischen Inseln liegen.

Boris Herrmann auf der „Seaexplorer - YC de Monaco“ liegt an zwölfter Stelle, 226 sm hinter dem führenden Boot. Ebenfalls unter deutscher (und französischer) Flagge segelt Isabelle Joschke (die aus der Mini-Transat-Szene kommt) auf der „Macsf“. Mit 280 sm Rückstand segelt sie an 16. stelle im Ranking, das alle drei Stunden aktualisiert wird.

Gut zu verfolgen ist das Geschehen mit Tracking-Karten, permanenten Meldungen und täglichem Live-Bericht (die Boote sind durch und durch mit Kameras bestückt) auf der Homepage www.vendeeglobe.org.

 

Schlafmützen und Affen

Allein auf einem 60 Fuß langen Boot - Tag und Nacht, ohne anzuhalten, ist sicher eine der letzten echten analogen Herausforderungen in einer digitalen Welt. Elementar ist es, einen Schlaf-Rhythmus zu finden. Länger als 20 Minuten schläft kaum ein Skipper. Und doch waren bereits eigenartige Kurslinien zu sehen, wie die Kielwasser-Schwänze im Tracking verraten. Einer ist tatsächlich über Stunden hinweg in Tiefschlaf gefallen - während die Selbststeueranlage, die sich am Wind orientiert, das Boot auf Gegenkurs gebracht hat.

Nach einem eher gemächlichen Auftakt war die Armada ab dem fünften Tag in den Einflussbereich eines Tropensturms gekommen. Das Tief Theta zog vor der Spitze des Feldes durch und sorgte für Wind bis zu 40 Knoten. Die größten Etmale liegen bisher bei knapp 400 Seemeilen in 24 Stunden - das sind rund 750 Kilometer, beinahe die Strecke von München nach Hamburg. 

Schon vor diesem Sturm brach Armel Tripon auf der „L’Occitane de Provence“ der obere Pütting einer der drei Rollfocks. Nachdem der Wind weniger wurde, machte sich Tripon an die Reparatur. Er hievte sich auf den 28 Meter hohen Mast, nach rund einer Stunde hatte er den Schaden repariert. Mehrfach baumelte er in den Schlingerbewegungen des Schiffes in 15 Meter Höhe frei schwingend über dem Meer, krachte zurück ans Rigg. „Ich ging hinauf - und ein Affe kam runter“, fasste er zusammen. Übersät mit blauen Flecken konnte  er aber das Rennen fortsetzen. Er steuert gerade Kurs auf eine Insel, deren Flughafen doch tatsächlich „Cristiano Ronaldo Int. Airport“ heißt …

Aufgrund einer Kollision mit unbekanntem Treibgut - ebenfalls in einer Schlafphase - wurde an Jérémie Beyous „Charal“ eines der beiden Ruder und wohl auch der Foiler beschädigt. Er kehrte um nach Les Sables, um eine Reparatur in Angriff zu nehmen. Das Startfenster ist zehn Tage offen - und wenn eine Reparatur möglich ist, will er hinterherjagen.

 

Mahlzeit!

Angesichts von fast drei Monaten alleine auf See gilt es, sich anzupassen. „Frisches“ Wasser produziert eine kleine Entsalzungsanlage, natürlich gibt es auch einen Wasserkocher, der warme Mahlzeiten aus der Tüte ermöglicht. Die wiederum haben in den vergangenen Jahren deutlich an Qualität gewonnen, werden sie schließlich von einer großen Zahl an Outdoor-Sportlern konsumiert. Alex Thomson, der schon zum fünften Mal dabei ist und endlich gewinnen will, hatte sich immer einen ganzen Serrano-Schinken mitgenommen und täglich eine Scheibe heruntergesäbelt - den wird er diesmal sicher auch dabei haben.

vg

 

Event-Homepage mit Fotos, Videos, Tracker, Virtual Regatta, usw.:

https://www.vendeeglobe.org

 

 

 

Seaexplorer + Paprec © Yvan Zedda-ALEA-VG 2020

Tracker © VGlobe 2020_15 Nov. 2020

Ari Huusela mit seinem "Gourmet"-Eintopf © Ari Huusela-VG 2020

16.11.2020 11:53 Alter: 10 days